Nachdem die Orange Box jetzt schon längere Zeit auf dem Markt ist und höchstwahrscheinlich jeder Alyx mindestens einmal vor dem Tod bewahrt hat und sich mit böswilligen Computern um das letzte Stück Kuchen gestritten hat, wird es Zeit den einzig wirklichen multiplayertauglichen Titel der orangenen Offenbarung etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Team Fortress 2 – ein Name der bis vor kurzem noch in einem Atemzug mit Duke Nukem Forever und anderen Releasegespenstern genannt wurde ist nun doch nach jahrelangem Warten erschienen, und das ohne großartige, vorherige Ankündigung, wie wir es von Valve schon gewohnt sind. Anfangs geplant als eine realistische Umsetzung ala Battlefield ist von diesem Konzept bei der endgültigen Version wenig übriggeblieben, die Macher haben sich eher auf alte Team Fortress Stärken besonnen, dem Ganzen einen zügigen Schuss Humor spendiert und was herauskam kann sich durchaus sehen lassen.
Team Fortress 2 hat seit Release mittlerweile in der Steam User Statistik nach den Dauerbrennern Conter-Strike(CZ) und Counter-Strike:Source den 4.Platz inne, Interesse der Massen ist also durchaus vorhanden, auch Valve lässt sich nach gewohnt gekonnter Art nicht lumpen und ist schon während der Pre-Release Testphase des Spiels ungewünschten Designschnitzern, Treiberproblemen und “Balancing Issues”, wie man so schön sagt, an den Kragen gegangen.
Das Spielprinzip scheint anzukommen und das nicht nur weil für jede der 9 Klassen ein gänzlich unterschiedlicher Ansatz erforderlich ist. Es liegen beispielsweise Welten zwischen der Spielweise eines Spy und eines Soldier. Diese Abwechslung ist es auch, die eine so große Masse an Spielern anspricht, Unreal Tournament oder Quake-Veteranen denen der Rocket Launcher ans Herz gewachsen ist, fühlen sich beim Soldier direkt heimisch, während sich Splinter Cell, Thief oder selbst diese nervigen Rogues aus World of Warcraft als Spy um die Wette massakrieren. Für Pyrotechnik, Brandstifter und Feuerbegeisterte im Allgemeinen ist der im feuerfesten Anzug herum hopsende Pyro genau die richtige Wahl, alteingesessene Counter-Strike Spieler dagegen werden sich direkt in Sniper, Scout oder auch Heavy hineinversetzen können, erfordern die beiden erstgenannten ein zielsicheres Treffen so ist beim Heavy die allseits bekannte Recoilcontrol gefragt, alternativ ist der Heavy DIE Klasse für diejenigen von euch, die schon immer irre lachend mit einem riesigen Gewehr bewaffnet durch die Straßen ziehen wollten und wenn man gewissen Medien Glauben schenkt, dann schlummert ein kleiner Heavy ja in jedem von uns.
Charakterstudien der verschiedenen Klassen und therapeutisches Spielen sind ja schön und gut, das allein würde allerdings niemand zur Maus greifen lassen, entscheidend bei Team Fortress 2 ist, dass es einfach Laune macht, sei es ein 32 Slot Public bei dem ständig irgendetwas explodiert, zerplatzt, herumspringt oder durchs Blickfeld huscht oder ein überschaubares 6on6 bei dem 2 Teams nicht nur mit Granaten, Raketen und Schrot um sich werfen, sondern auch mit ihren Taktiken gegeneinander antreten.
Eine Masse an begeisterten Usern, ständige Nachbesserungen durch den Entwickler, unterhaltsame Features wie die “Taunts” die einem erlauben, den Gegner nach gewonnenem Duell zu verhöhnen und nicht zu vergessen eine gehörige Portion Langzeitspielspaß, sowie ein funktionierendes Spectatorsystem, welches komfortabel zu bedienen ist; alle Voraussetzungen für einen erfolgreichen eSport Titel sind eigentlich gegeben, einziges Haar in der Suppe: Noch mangelt es an Teams, denen es Spaß bereitet sich vor dem Hintergrund einer Liga mit anderen zu messen. Beispiel gefällig? Die ESL, die die wohl unbestritten größte Plattform bildet, hat zwar einen Release Cup veranstaltet der mit 32 Teams auch mehr oder minder gut gefüllt war, der Andrang in den normalen Ligen hält sich aber bis jetzt in Grenzen. So befinden sich erst 20 Teams in der deutschen 6on6 Ladder, während es in der internationalen gerade mal 18 sind.
Kaum zu glauben, dass das Interesse so gering ist, vor allem die Steam Statistik spricht da eine andere Sprache.
Woran liegt es also, dass Team Fortress 2 bisher nicht die Aufmerksamkeit in der ESL bzw. esportsmäßig auf sich gezogen hat, die es nach Betrachten oben dargelegter Punkte eigentlich besitzen müsste und verdient?
Ein Faktor könnte der Spielmodus sein, Team Fortress wird traditionell im Wettbewerb 6on6 gespielt, andere Modi machen entweder wenig Sinn, ein 1on1 bei 9 auswählbaren Klassen gerät zur Farce, während mehr als 6 Spieler pro Team ein erfolgreiches Spiel ohne riesige Vorteile für respektive Angreifer bzw. Verteidiger, sehr schwierig gestalten. Relatives Neuland stellt der Spielmodus auch für den Großteil der im eSport engagierten Spieler dar, zwischen 1on1 Titeln, oder dem althergebrachten 5on5 in Counter-Strike ist alles über 5 Spielern selten und erschwert scheinbar auch die Teambildung bzw. das Interesse daran, die Battlefield Reihe oder auch Enemy Territory:Quake Wars können ein Lied davon singen.
Ein weiterer Kritikpunkt sind die sogenannten Criticals, also Treffer die mehr Schaden als gewöhnlich anrichten. Viele Spieler, vor allem die Wenigen, die regelmäßig organisiert spielen, empfinden dieses Element als einen zu unberechenbaren Faktor und gerne wird von Critluck gesprochen. Vergleichbar mit dem verpönten ex_interp bei Counter-Strike sehen die meisten die Criticals als ein Hindernis auf dem Weg zum erfolgreichen eSport Titel.
Hinzu kommt, dass das Spiel noch recht “jung” ist, viele der derzeitigen Spieler betrachten es eher als einen entspannenden Zeitvertreib oder gar als Abwechslung von ihrem eigentlichen Spiel, sei es irgendeiner der Counter-Strike Titel, Quake oder World of Warcraft. Team Fortress 2 besitzt also momentan im Vergleich zu den “Klassikern” im eSport eine recht niedrige Priorität, zumindest in Hinsicht auf den virtuellen Sport, was sich zwar nicht in der Anzahl der Spieler bemerkbar macht, sondern erst richtig deutlich wird wenn man einen Blick auf die Anzahl fester, organisierter Teams wirft.
Bei allem obigen Lob für Valve und das Team hinter Team Fortress 2 muss allerdings auch gesagt werden, dass momentan geradezu ein Unterangebot an Maps besteht, die sich zu allem Überfluss in gewissen grafischen Aspekten auch noch sehr ähnlich sind. Man befindet sich zu 100% in irgendeinem industriell angehauchten Gebiet. Und während für einen der beiden Spielmodi, nämlich für “Capture the Point” zwar nicht reichlich aber doch immerhin genug Maps zur Verfügung stehen, gibt es momentan nur eine einzige Map für "Capture the Files" - ctf_2fort, die die Gemüter spaltet, die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Capture the Point ist also zu diesem Zeitpunkt der hauptsächlich gespielte Modus, was nicht nur Liebhabern des Capture the Flag-Prinzips übel aufstößt.
Eine fixe Anzahl an Maps ist allerdings kein großes Manko für einen eSport Titel, man beachte die Counter-Strike Szene bei der jede neue Map die im (semi-)professionellen Bereich zum Einsatz kommen soll nur unter viel Geschrei, Beleidigungen und allgemeinem Widerstand anerkannt wird.
“Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht” - Dieses Sprichwort lässt sich scheinbar unzensiert auf den Großteil der deutschen Szene anwenden. Ein Neuankömmling wie Team Fortress 2, der nicht auf die Popularität des Vorgängers bauen kann, wie andere Titel, tut sich in diesem Geschäft also denkbar schwer. Zumindest in der deutschen Szene scheint sich die Akzeptanz des Titels als potentiellen eSports Kracher also in Grenzen zu halten, um so erfreulicher ist es, dass die internationale Szene sich des Titels angenommen zu haben scheint. So fand man im Release Cup der ESL nicht nur deutsche Teams sondern auch Mannschaften aus Frankreich, Polen, Finnland, Österreich und der Schweiz. Auch die oben erwähnte internationale Liga in der ESL ist nicht, wie bei anderen Titeln, fast ausschließlich mit deutschen Teams besetzt – ganz im Gegenteil, es finden sich unter den 18 Mannschaften der Liga zusätzlich zu den oben genannten u.a. Italiener, Dänen, Briten, Belgier, Schweden und sogar ein israelisches Team.
Trotz etwaiger kleinerer Kritikpunkte am Spiel selbst, erfreut sich Team Fortress 2 der wachsenden Beliebtheit der Massen und im Endeffekt entscheiden die Spieler darüber ob und wann ein Spiel sich im eSport durchsetzen kann. Wenn das Interesse an Team Fortress 2 nicht nachlässt und Valve es nicht verschläft, rechtzeitig neue Maps für den CTF Modus zur Verfügung zu stellen, sieht die Zukunft rosig aus.Voraussetzungen für Erfolg im eSport sind also steigendes Interesse, eine stetige Weiterentwicklung des Spiels, was momentan für die Entwickler hauptsächlich heißt, ausreichend neue Maps für Capture The Flag zu veröffentlichen, was aber im Notfall auch von der sehr aktiven Mapper Szene übernommen werden könnte.
Allen Skeptikern seien die von Valve geplanten Testtage ans Herz gelegt, ein kurzes Spiel auf dem Server sagt mehr als tausend Worte und Team Fortress 2 hat schlagkräftige Argumente zu bieten, die sich jeder einmal durch den Kopf gehen bzw. über den Bildschirm flimmern lassen sollte.
kleine info zu der fehlenden mapvielfalt:
valve hat extra so wenig maps reingepackt, da es später sowieso nur wieder wenige maps geben wird, die auf den servern rauf und runter laufen, deswegen sind von anfang an nur wenige maps drin, womöglich um sich "unnötige" arbeit zu ersparen
quelle: entwicklerkommentarmodus in TF2 (sind auch noch einige andere interessante sachen dabei)
zum artikel:
sehr schön geschrieben und aufschlussreich, aber das mit den maps ist wirklich etwas blöd... ich find hydro so toll ^_^
Dennoch denke ich, dass dieser Weg richtig war. Denn jetzt wartet jeder auf eine neue Map und kann sie kaum erwarten und wir automatisch in die Mappools kommen. Anders als in Counter-Strike zum Beispiel, wo jeder durch die Fülle der Maps bereits am Anfang erschlagen wurde und nun sich kaum nach einer Abwechslung sehnt.